"Guy-gantisches Gourmet-Theater" - Buch - Hartmut Guy

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Hartmut Guy, bekannt durch sein renommiertes Restaurant „Guy am Gendarmenmarkt“, hat sein erstes Buch geschrieben. So lebensprall und mit so umwerfendem Humor hat noch kein Gastronom über seine Erlebnisse berichtet. In über zwanzig Geschichten voller Komik, Witz, Selbstironie und manchmal auch Dramatik, berichtet Guy über Könige, prominente Künstler und Politiker von Weltgeltung, aber auch über Hochstapler und Zechpreller sowie, natürlich, über Restaurantkritiker. Alles Gäste seines Hauses.

In sehr persönlichen Geschichten lässt uns der Autor an seinem Leben als Gastronom, Schauspieler und jetzt auch Buchautor teilhaben. Eine echte Entdeckung.

Neu! Auch als Hörbuch erhältlich

Das konspirative Geheimtreffen

Manchmal, wenn das Telefon in meinem Restaurant klingelt, ist dies der Beginn eines sehr skurrilen Telefonats. Ein Anrufer will wissen, ob es schon Fälle von Salmonellenvergiftung bei uns gab, er habe eine Unverträglichkeit, was diese Tierchen angeht. Ein anderer will unbedingt an einem runden Tisch bei uns sitzen, weil sein ästhetisches Empfinden keinen eckigen zulässt. Außerdem hätte er eine Hyazinthenallergie. Soweit ich mich erinnere, habe ich noch niemals Hyazinthen als Tischschmuck eingesetzt. In der Regel wälze ich solche quälenden Anrufe auf meine Restaurantleiterin ab. Aber der Anrufer, der diese Geschichte einläutete, hatte das Glück, mich persönlich an den Apparat zu bekommen. Er sprach Deutsch mit deutlich amerikanischem Akzent. „Mr. Guy?“, raunte es durch das Telefon. „Ja, Sie sprechen mit Herrn Guy persönlich“, schickte ich mich an, dem Gespräch eine etwas offizielle Note zu verleihen. Dann kam seine Frage: „Bist Du eine Ehrenmann?“ Was soll man auf eine solche Frage eines Fremden antworten? Etwa die Wahrheit sagen? Natürlich die Wahrheit. Was sonst? Ich: „Ich denke schon. Warum wollen Sie das so genau wissen?“ - „Du bekommst morgen Mittag eine wichtige Besuch. Eine große Mensch kommt in die Restaurant bei dir essen.“ Ich verstand nur Bahnhof. Ein großer Mensch? Zwei Meter zwanzig oder so? Oder meinte er einen besonders prominenten Zeitgenossen? Er weiter: „Die kommt aber nicht alleine. Die kommt mit drei bis fünf People. Wir brauchen eine Tisch, die weg von die anderen sitzen. Und du darfst nicht sagen die Presse.

Wenn du doch tust, dann wird diese Mann nicht kommen.“ Jetzt wurde ich neugierig. Meine Erfahrungen mit amerikanisch sprechenden Gästen waren nicht die besten. Ich sage nur: Mr. Vanderbilt. Aber hier ging es um eine simple Reservierung, die entweder kommt oder nicht kommt. Also fragte ich, wie denn dieser wichtige Gast heißt. Seine Antwort war: „Du wirst erkennen, wenn du siehst. Musst du jetzt nicht wissen, die Namen. Sonst du sagst doch die Presse.“ Ich wollte gerade intervenieren, aber es hatte schon „klick“ gemacht. Er hatte aufgelegt. Was sollte ich von solch einem Anruf halten? Wieder einmal einer, der den Versuch startete, mich auf den Arm zu nehmen und aufs Kreuz zu legen? Am besten abhaken. Wir waren am nächsten Tag mittags nicht ausgebucht, also hatte ich rein prophylaktisch einen separaten Tisch im Weinkeller ein wenig abseits vom Trubel reservieren lassen. Höchstwahrscheinlich vergeblich, aber so ein leerer Tisch frisst keine Brötchen. Ich kann nicht mal sagen, warum ich an diesem Tag meiner Assistentin Yvonne einen Kaffee im Weinkeller anbot. Es war kurz nach zwölf und ich war mitten im Gespräch mit ihr, als oben an der Treppe ein stattlicher grauhaariger Herr auf der Bildfläche erschien. Den kannte ich. Es war der ehemalige Staatsratsvorsitzende der DDR, Egon Krenz. Ich war irritiert und sagte zu Yvonne: „Nicht umdrehen. Da oben steht der Krenz.“ Den kann der Anrufer von gestern aber nicht gemeint haben. Oder doch? Ist der nicht eigentlich im Knast, sinnierte ich vor mich hin. Er war in Begleitung einer jungen Dame. Beide wurden vom Kellner zielstrebig an den Tisch im Weinkeller geleitet. Nun saß er bei mir, der Generalsekretär a. D., der ewige FDJodler-Häuptling. Ich will nicht verhehlen, dass ich in diesem Moment viele Erinnerungssplitter aus meiner Jugendzeit wie Funken durch meinen Kopf sprühen sah.

Doch viel Zeit blieb dafür nicht, denn in diesem Augenblick stand er da, der eigentliche Gast. Ich erstarrte. In Bruchteilen von Sekunden stellten sich meine Unterarmhärchen auf und Gänsehaut überzog einige Teile meines Körpers. Er stand einfach da, als wäre es das Normalste von der Welt. Der zweifache Oscar-Preisträger. Einer der besten Schauspieler Hollywoods, was sage ich, einer der besten Schauspieler der Welt! Locker, unauffällig gekleidet, schwarze Jeans, schwarzer Pulli, zwei Mann Begleitung. Nun kam er die Treppe herunter und ging freudestrahlend auf Egon zu. Ich war fassungslos. Es fehlte nicht viel und ich hätte hyperventiliert. Was, um Gottes Willen, hat der Weltstar mit diesem Polit-Knacki zu tun? Was um alles in der Welt geht hier vor? Versteckte Kamera? Nein. Eine Fata Morgana? Nein. Das war Wirklichkeit! Da stand Tom Hanks und setzte sich in diesem Moment zu Egon Krenz. Wenn ich das in meiner Skatrunde erzähle, dachte ich, fragen meine beiden Freunde, ob es wieder mal soweit wäre und die Psychiatrie kommen muss. Genauso gut könnte ich auch behaupten: Ich gehe morgen mit dem Papst ins Pornokino!

Zur Sache. Da saßen sie nun. Es war schon außergewöhnlich, dass ein Hollywoodstar in unser Restaurant einkehrt. Die Konstellation Krenz - Hanks ließ dieses Zusammentreffen noch absonderlicher erscheinen. Die Begleiterin von Herrn Krenz entpuppte sich als Dolmetscherin und die Begleiter von Herrn Hanks waren Produzenten. Nun musste man annehmen, über das ehemalige Staatsoberhaupt der DDR wird ein Film gedreht. In der Hauptrolle: Tom Hanks als Egon. Oder es hat irgendwie mit dem Mauerfall und den letzten Tagen der DDR zu tun. Alle Spekulationen hatten jäh ein Ende, als ich an den Tisch trat, um meine besonderen Gäste zu begrüßen. Nun stand ich also vor den beiden und bemühte mich redlich, locker zu wirken und trotzdem meinem Gefühl der Freude über den Besuch eines Oscar-Preisträgers genügend Ausdruck zu verleihen. Ganz am Rande konnte ich mir natürlich nicht verkneifen, in das Gespräch einzuflechten, dass auch ich ein zwar unbedeutender, aber immerhin ein Kollege von Tom bin, denn schließlich hatte ich ja Schauspiel studiert. Eigentlich kam mir diese Bemerkung, schon als ich sie aussprach, ziemlich überflüssig vor. Aber zu spät. Hanks sprang auf, umarmte mich und klopfte mir gefühlte sieben Minuten mit beiden Händen auf die Schultern. Seine Freude darüber, dass auch ich Schauspieler bin, war offensichtlich sehr ehrlich. Ich war im wahrsten Sinne des Wortes ergriffen. Nun war es Zeit, auch den Rest am Tisch zu begrüßen, was ich artig tat. Ich nahm die Gelegenheit wahr und bat den Gast aus Amerika um einen Eintrag in mein Gästebuch. Dieses Buch ist mittlerweile ein kleiner Schatz. Wer sich alles darin schon verewigt hat - beeindruckend! Ich habe dieses Buch für meine Enkel angelegt, um später einmal sagen zu können: „Schaut mal, all diese Leute habe ich persönlich bewirtet. Mit vielen habe ich angestoßen, mit manchen gefeiert und einige sind sogar Freunde geworden.“ Bei der Schnelllebigkeit unserer Zeit ist es allerdings fraglich, ob die Prominenten von heute dann noch prominent sind.

Aber zurück zu Tom und Egon. Hanks trug sich mit lobenden Bemerkungen ins Gästebuch ein und schon wollte ich voll Stolz mit der neuen Trophäe den Tisch verlassen, als es mir durch den Kopf schoss: Und Krenz, was ist mit ihm? Das ist nicht nur eine Frage der Höflichkeit. Schließlich ist auch er ein Mensch, der ein Stück Geschichte geschrieben hat. Welche Geschichte, das will ich hier nicht bewerten. Also klappte ich das Gästebuch nicht zu, sondern drehte es in die andere Richtung und legte es auf seinen Platz. „Herr Krenz, würden Sie sich bitte auch eintragen?“ Unsere Blicke trafen sich und er fragte: „Glauben Sie, dass es Ihrem Hause zuträglich ist, wenn ich da drin stehe?“ Ich war zugegebenermaßen überrascht. War das der Anflug einer leisen kritischen Haltung gegenüber sich selbst? Oder Koketterie? Egal. Ich holte zum Gegenschlag aus und erlaubte mir die Frechheit zu antworten: „Herr Krenz, Sie wissen doch: Zeit heilt alle Wunden.“ Ich weiß, der Satz war herb. Aber den musste er schon aushalten. Die Bürger der DDR mussten damals auch so einiges aushalten. Außerdem hatte mein kleiner Seitenhieb kein Gramm Siegermentalität. Wie auch, ich kam schließlich selbst aus dem Osten. Er lächelte und signierte ohne zu zögern. Diesmal setzte er seine Unterschrift unter kein amtliches Dokument und es hatte für keinen der Beteiligten politische Folgen. So ändern sich die Zeiten.

Nun kam Egon raus mit der Sprache. Ohne dass ich gefragt hatte, erklärte er mir, er sei heute als Zeitzeuge geladen. Es ginge um Dean Reed, den amerikanischen Sänger und Schauspieler, der damals in die DDR übergesiedelt war. Tom Hanks wolle einen Film über ihn drehen. Er, Krenz, sei zu Lebzeiten mit ihm befreundet gewesen und würde heute befragt werden, wie er und wie alles so war. Nun war es raus, und dieses skurrile Treffen fand eine plausible Erklärung. Man tafelte und redete gut zweieinhalb Stunden, alles war schön. Am Schluss gab es ein Erinnerungsfoto und Tom konnte nicht umhin, sich noch mal klar zu machen: „Ich habe heute den Chef der DDR getroffen.“ Er schien es selbst nur langsam zu realisieren. Nach dem Abschlusskaffee löste sich die Gesellschaft auf. Ich begleitete beide noch zum Haupteingang über den Hof bis auf die Straße. Dort standen ein schwarzer Benz mit verdunkelten Scheiben, in welchen die Gruppe um Tom Hanks einstieg, und eine schwarze Limousine für unseren Egon. Alles ein bisschen wie früher. Nur fuhr die Limousine diesmal nicht ins Staatsratsgebäude, sondern ins Gefängnis. Er war zwar Freigänger, aber abends musste er ja „nach Hause“.
Herr Krenz stieg nicht gleich ein, sondern unterhielt sich ein bisschen mit mir. Etwa so: „Das Restaurant gehört Ihnen allein? – „Ja.“ – „Dann sind Sie also ein reicher Mann?“ – „Das würde ich nicht sagen“, war meine Antwort, „alles, was ich besitze, steckt da drin, und es ist manchmal sehr viel Arbeit für oftmals wenig Geld.“
„Es hat mir gut gefallen“, antwortete Krenz. „Wenn ich raus bin, komme ich wieder.“ Wie schon gesagt, jeder Gast ist willkommen. Er stieg ein und fuhr von dannen. Die Leute, die uns während unserer Unterhaltung im Vorübergehen anschauten, waren verwundert oder irritiert. Oder bilde ich mir das nur ein?

Nun waren beide fort und ich wollte zur Tagesordnung übergehen. Doch es kam alles ganz anders. Wenige Minuten später rief mich ein befreundeter Journalist an und fragte aufgeregt: „Stimmt das, was mir ein Vögelchen gerade gezwitschert hat? Krenz und Hanks waren bei dir?“ Hätte ich leugnen sollen? Sie waren gegangen, also gab ich es zu. Was nun passierte, hatte den Charakter einer Boulevardkomödie. Innerhalb von anderthalb Stunden gaben sich Journalisten aller großen Tageszeitungen und mancher Fernsehsender im „Guy“ die Klinke in die Hand. Alle hatten nur die Aufgabe, den leeren Tisch zu fotografieren und zu filmen, an dem meine Stargäste gesessen hatten. Auch die Unterschriften im Gästebuch mussten als Fotomodell herhalten. Ich konnte es nicht fassen. Noch weniger konnte ich fassen, dass ich am nächsten Tag meinen Namen auf der Titelseite fast aller Gazetten lesen konnte. Die meistbenutzte Schlagzeile lautete: Geheimtreffen im Restaurant „Guy“. Untertitel: Hollywoodstar Hanks trifft Egon Krenz. Dass dieses Treffen eine derartige Maschinerie in Gang gesetzt hatte, konnte ich mir beileibe nicht erklären. Aber nun gut. Ich ticke auch nicht wie ein Journalist. Dass dieses enorme Presse-Interesse nicht schädlich für mein Restaurant war, ist mir klar, und doch hatte ich ein schlechtes Gewissen gegenüber dem Anrufer von vor zwei Tagen: „Du darfst nichts sagen die Presse!“ Aber ich hab ja auch nichts gesagt, erst danach, entschuldigte ich mein Verhalten vor mir selbst. Ein kleines bisschen Promotion darf doch sein, oder?

Am Samstag danach lief im Fernsehen die Sendung „Wetten, dass?“ mit Thomas Gottschalk. Ich hatte frei und sah sie mir an. Einer seiner Gäste war der gleiche Tom Hanks, der auch bei mir zu Besuch war. Gottschalk fragte ihn im Interview: „Du hast dich diese Woche mit Egon Krenz getroffen?“ Ich saß zu Hause vor dem Fernseher und sprang wie von der Tarantel gestochen auf, rannte zum Fernsehgerät und schrie in den Bildschirm: „Sag jetzt, wo! Sag jetzt, wo!“ Doch er konnte mich leider nicht hören.     


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